Fußball gilt als Spiegel der Gesellschaft – doch ist das, was im Stadion, rundherum sowie der medialen Rezeption geschieht nicht vielmehr Zuspitzung, Kristallisationspunkt und Brennglas gesellschaftlicher Prozesse und Konflikte? Beispielhaft katalysierte etwa die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 die Normalisierung des deutschen Nationalismus nach 1990. Die regressiven Tendenzen sind dementsprechend nicht zu übersehen, doch bieten die Fankulturen der beliebtesten Sportart auch progressives Potential. Dieses Spannungsfeld wollen wir in einer Veranstaltungsreihe mit euch untersuchen und diskutieren.

Termine

Bisherige Veranstaltungen

Vortrag:
Zwischen Widerstand & Repression – Fußball & Ultras in Ägypten

2012. Dieses Jahr stellt eine Zäsur des Ägyptischen Fußballs und seiner Fankultur dar. Nach einem Fußballspiel in Port Said kam es zu schweren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen im Stadion, welche insgesamt 72 Tote und zahlreiche Verletze zur Folge hatten. Die Behörden verhängten daraufhin ein Zuschauerverbot für sämtliche Fußballspiele in Ägypten, 11 Fußballfans wurden zum Tode verurteilt.

Nach 6 Jahren vor leeren Rängen wurde das Zuschauerverbot im September 2018 nunmehr gelockert und erstmals durften wieder Fans in die Stadien.

In einen abwechslungsreichen Vortrag wird Philip Malzahn einen Überblick über die Entwicklung des Fußballs in Ägypten geben und die Rolle ägyptischer Fußballfans während des Aufstandes gegen das Regime von Expräsident Mubarak im Januar 2011 darstellen.

23. Februar 2019, 19 Uhr, Ostkurvensaal (Weserstadion)

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Vortrag: 
Fußball, Ultras, Männlichkeit

Ultra-Gruppen scheinen einen besonderen Reiz auf junge Männer auszuüben. Trotz einer steigenden Feminisierung des Fußballsports insgesamt, wirkt der harte Kern der Fankurve vor dieser Entwicklung mehr oder weniger gefeit. Optimistische Schätzungen gehen zwar von mittlerweile etwa zehn Prozent weiblichen Ultras aus, vielerorts dürfte ihr Anteil aber eher gegen Null tendieren. Antisexistische Initiativen, linke Ultras und einzelne Frauengruppen sind angetreten diesen Status Quo zu verändern, offensichtlich stehen sie dabei aber vor einer gewaltigen Herausforderung.

Der Vortrag wird diese zunächst ausklammern und sich hingegen den allseits existenten, für die Ultraszene typischen Praxen und Einstellungen widmen. Dabei wird die Frage nach ihrer geschlechtlichen Aufladung zentral stehen: Was ist denn das, was einen besonderen Reiz auf junge Männer ausübt? Und warum tut es das? Und weshalb sind Diskriminierungsformen, etwa Homophobie, in so vielen Gruppen nach wie vor gang und gäbe?

Der Vortrag wird eine Einführung in die Entwicklung männlicher Geschlechtsidentität geben, die am Beispiel der Ultras veranschaulicht wird. Aus einer geschlechter-soziologischen Perspektive sollen so Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Männern – und Frauen – in den Fankurven herausgearbeitet – und im Anschluss gerne diskutiert – werden.

6. März 2019, 19 Uhr, Lift (Weberstr. 18, 28203 Bremen)

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Vortrag:
Serbischer, kroatischer und bosnischer Nationalismus im Fußball

Das ehemalige Jugoslawien ist auch nach langen Konflikten und der folgenden Aufteilung in einzelne Nationalstaaten immer noch ein Gebiet mit verschiedenen Konfliktlinien, Minderheiten und Gebietsansprüchen. Nationale Identität entlädt sich insbesondere auf den Bühnen des Fußballs – egal, ob auf dem Platz, auf den Rängen oder in der Diaspora.

Erst 2018 gab es hitzige Diskussionen, als das Fußballteam der Männer, das während der Weltmeisterschaft den zweiten Platz erreichte, gemeinsam mit Fans das Lied „Schön bist du“, der Band Thompson sang; Inhalt und Sänger gelten als nationalistisch. Inwiefern in Kroatien, Bosnien und Serbien Heimat und Identität durch Gesänge, Spruchbänder und Choreografien mit den Fussballvereinen verknüpft ist, soll in diesem Vortrag herausgearbeitet werden.

Der Referent Alexander Mennicke lebte eine Zeit lang in Sarajevo und beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema.

Unterstützt durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung Bremen.

4. April 2019, 18 Uhr, Lift (Weberstr. 18, 28203 Bremen)

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Vortrag:
Schwarz-rot-geil. Nationalismus oder Patriotismus während der WM 2006?

Im Sommer 2006 brach hierzulande eine scheinbar nie dagewesene Euphorie aus, die Hunderttausende erfasste. „Ihr Deutschen seid Schwarz-Rot-Geil“, wie es die Bild-Zeitung formulierte, war eine Deutung, die den ekstatischen Zustand umschrieb. Schnell wurden die Spiele der deutschen Nationalmannschaft zu Massenveranstaltungen, bei denen die deutschen Nationalfarben und „Flagge zeigen“ wieder modern waren. Das „Sommermärchen“, wie es im Nachhinein tituliert wurde, war geboren und implizierte eine gewaltlose, friedliche und vor allem stolze deutsche Nation, die nun ungeniert von ihrer Bevölkerung unterstützt wurde.

Trotz dieser medialen und realen Aufregung brach parallel eine Diskussion aus, die sich mit dem „neuen Nationalbewusstsein“ auseinandersetzte. Die Kritik richtete sich vor allem gegen eine Nationalisierung der Gesellschaft sowie den unreflektierten Umgang mit den Verbrechen des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges. Die Diskussion um den Umgang mit der eigenen Nation dreht sich deshalb überwiegend um die Definition der Begriffe Nationalismus und Patriotismus und deren inhaltliche Füllung. Ob es sich hierbei um das „unverkrampfte Verhältnis“ zur Nation Deutschland handelt oder doch eine innere Sehnsucht nach einem starken Nationalismus impliziert, will der Vortrag thematisieren. Dabei wird er auch auf die Debatte um den ehemaligen Nationalspieler Mesut Özil eingehen, der während der Weltmeisterschaft 2018 unter anderem wegen seines Nichtsingens der Nationalhymne kritisiert wurde und schließlich zurücktrat.

Unterstützt durch Partnerschaft für Demokratie Bremen Mitte

6. Juni 2019, 19 Uhr, Lift (Weberstr. 18, 28203 Bremen)

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Vortrag:
Grauzonen: Rechte Lebenswelten in Fußballfankulturen

Heimatgefühl, Tradition, Stärke, Männlichkeit und Ehre … Viele Werte und Bezugspunkte, die im Fußball fast selbstverständlich dazu gehören, sind auch in rechten Szenen bedeutend. Aber wo sind die Unterschiede, Gemeinsamkeiten oder Schnittstellen zu ganz normalen Fußballfans?

Die Referentin ist Mitautorin der Broschüre „Grauzonen – Rechte Lebenswelten in Fußballfankulturen“, die 2016 von der Agentur für Soziale Perspektiven (ASP) herausgegeben wurde. Sie wird Beispiele für sogenannte Bezugspunkte und Ungleichheitsideologien rechter Lebenswelten in Fußballfankulturen liefern, die Grauzonen genauer in den Blick nehmen und schließlich Gegenstrategien von Fans und Vereinen nennen, die sich gegen einen rechten, aber auch vermeintlich unpolitischen Status Quo in den Kurven zur Wehr gesetzt haben.

22. August 2019, 19 Uhr, Lift (Weberstr. 18, 28203 Bremen)

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Vortrag:
Jenseits der Klischees: Die Fußballszene in Polen als Akteur der polnischen Geschichtspolitik

Jenseits der oft wiederholten Klischees über eine gewalttätige und politisch stark rechts orientierte Szene kann ein Blick auf die polnische Fußballszene weit mehr bieten. 
Als Akteure in einer „sozialen Bewegung von rechts“ hatten und haben Fangruppen in den Kurven und auf der Straße maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung und Festigung der aktuellen polnischen Geschichtspolitik. Der Vortrag erläutert die Hintergründe des „Unabhängigkeitsmarsches“ (Marsz Niepodległości) am 11. November in Warschau und zeigt anhand ausgewählter Beispiele wie zentral Geschichtspolitik im Kontext des Fußballs in Polen verhandelt wird.

12. September 2019, 19 Uhr, Lift (Weberstr. 18, 28203 Bremen)

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Vortrag:
Jüdisches Erbe und Antisemitismus im deutschen Fußball 

Der Vortrag begibt sich auf eine historische Spurensuche und versucht blinde Flecken und aktuelle Tendenzen jenseits des neonazistischen Antisemitismus aufzudecken. Er geht zunächst auf deutsche Vereine und Fangruppen ein, die sich positiv auf ihr jüdisches Erbe beziehen und möchte anhand von verschiedenen Beispielen aufzeigen, wie sich Antisemitismus in Stadien und Plätzen im deutschsprachigen Raum äußert. Außerdem wird in den Blick genommen, inwieweit der beliebte Slogan “Gegen den modernen Fußball“ mit strukturellem und teils sozialistischen Antisemitismus verknüpft ist.

16. Oktober 2019, 19 Uhr, Lift (Weberstr. 18, 28203 Bremen)

Mitschnitte und Podcasts

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